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Halbrunde Bauten, viel Grün und eine Brunnenanlage: Ab Sommer 2019 wird im Lipschitzbrunnen der Neuköllner Gropiusstadt endlich wieder Wasser sprudeln. Im Rahmen des Städtebauförderprogramms „Zukunft Stadtgrün“ wird der seit Anfang der 2000er-Jahre trockengelegte Brunnen saniert und steht dann wieder als vollwertige Erholungsquelle bereit.

Attraktion Brunnenwasser

„Jede freie Minute waren wir mit den Kindern am Brunnen“, erinnert sich der 55-jährige Andrej Stadnik, der in den 1990er-Jahren mit seiner Familie in die Gropiusstadt gezogen ist. „Damals gab es vor Ort fast nichts – keine Gropius-Passagen, nur zwei Geschäfte und ein italienisches Restaurant.“ Aber es gab den Lipschitzbrunnen, und der wurde zur Hauptattraktion bei schönem Wetter: Kinder spielten und plantschten, Familien machten Picknick und Liebespaare kühlten sich mit dem Sprühwasser die Wangen. „Sogar ein ferngesteuertes Boot konnten wir im Brunnen fahren lassen.“

Doch zu Beginn der 2000er-Jahre versiegte dieser erfrischende Freizeitquell: Der im Jahr 1988 errichteten Brunnenanlage wurde aufgrund eines Reparaturbedarfs der Hahn zugedreht. Dies stellte für die Bewohner der Gropiusstadt einen herben Verlust dar – auch wenn Skater den Brunnen zwischenzeitlich mit ihren Boards zu nutzen wussten. „Jeden Tag gehe ich am Lipschitzbrunnen vorbei“, so Stadnik, „immer wieder habe ich auf Bürgerversammlungen gesagt: Bitte repariert den Brunnen!“ Dieser Wunsch nach Lebenswert und Naherholung dürfte dem ureigensten Ansinnen des Bauhaus- Architekten Walter Gropius (1883–1969) entsprechen. Auch wenn seine Planungen für die Gropiusstadt nicht durchgängig umgesetzt wurden, sind doch wesentliche und das Stadtbild prägende Teile seines Konzepts realisiert.

An der Quelle

Es gibt viel zu tun, um den Brunnen an der Lipschitzallee wieder herzustellen: So müssen unter anderem die Pumpen- und Steuerungstechnik, die Fugen der Brunnenschalen, sämtliche Wasser- und Elektroleitungen erneuert und eine Lichtanlage installiert werden. Ein Windsensor soll die Höhe der künftigen Wasserfontäne wettergerecht regulieren. Dazu kommen Arbeiten an der Außenanlage, denn schließlich sollen sich die Menschen am Lipschitzbrunnen in grünbepflanzter Umgebung wohlfühlen. Seinen Namen verdankt der Brunnen übrigens dem SPD-Politiker Joachim Lipschitz (1918–1961), der die letzten Jahre bis zu seinem Tod Senator für Inneres von Berlin war. Rund 350.000 Euro wurden für die Planung und Sanierung vorgesehen. Das Geld stammt aus dem Programmtopf „Zukunft Stadtgrün“ der Städtebauförderung und zählt zum Projekt „Teilhabe für Alle – Barrierefreie Gropiusstadt“.

Neue Wege beschreiten

Das Förderprogramm zielt insgesamt auf die Steigerung der Wohn- und Lebensqualität, Teilhabemöglichkeiten und Nutzungsvielfalt in der Gropiusstadt – unter Wahrung deren Identität. Das Bezirksamt Neukölln setzt die bereitgestellten Mittel in Abstimmung mit Eigentümern und Aktiven vor Ort zur Aufwertung des öffentlichen Raums ein: Wichtige Plätze und Freiräume werden für mehr Spiel, Bewegung und nachbarschaftliche Begegnungen umgestaltet. Das Wegenetz wird barrierearm und sicher, sodass öffentliche Orte, Freiflächen und Spielanlagen gut zu Fuß oder per Fahrrad erreichbar sind. Von den Maßnahmen profitieren alle, insbesondere Familien mit Kindern, ältere Menschen, Menschen mit Geheinschränkungen und Neulinge im Kiez.

Ein bisschen Nostalgie

Heute ist Andrej Stadnik Großvater von zwei Enkelkindern. Wenn seine Söhne zu Besuch kommen, fragen sie jedesmal, was mit „ihrem“ Brunnen los sei. Im vergangenen Jahr mussten sie zudem erleben, dass Sitzplatten der um den Brunnen halbrund angeordneten Granitbänke von ihren Sockeln gerissen wurden. „Wenn der Brunnen wieder in Ordnung ist und funktioniert, bin ich absolut glücklich.“ Stadnik freut sich schon jetzt, wenn er seine Enkel zum Spielen an den Brunnen begleiten und ihnen von den erfülltfröhlichen Familienzeiten Ende des vergangenen Jahrhunderts erzählen kann. Als Gropiusstädter – über 37.500 Einwohner zählt der Stadtteil heute – fühlt er sich mit den gegenwärtigen Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants unterschiedlicher Kulturen, Spiel- und Erholungsmöglichkeiten rundum wohl. „Wenn der Lipschitzbrunnen saniert ist, haben wir hier alles, was wir brauchen“, resümiert Stadnik mit liebevollem Blick auf seine Wahlheimat. „Dann brauchen wir aus unserem Kiez praktisch nicht mehr wegzufahren…!“


Eine Krake im Lipschitzbrunnen (© Undine Ungethüm)